22. Juni 2018

Abgeschnittene Aue wieder mit dem Fluss verbinden – Integriertes Rheinprogramm (IRP) für Hochwasserschutz und Auenökologie umsetzen

Kategorie: Naturschutz, Gewässerschutz
Dynamische Aue bei Alt-Dettenheim - Vorbild für den geplanten Rückhaöteraum Elisabethenwört: selten gewordener Lebensraum für den Eisvogel und andere Arten - Foto: Hartmut Weinrebe

Dynamische Aue bei Alt-Dettenheim - Vorbild für den geplanten Rückhaöteraum Elisabethenwört: selten gewordener Lebensraum für den Eisvogel und andere Arten - Foto: Hartmut Weinrebe

Auenexperte Prof. Dr. Emil Dister, Landesfischereiverband Baden-Württemberg, Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg sowie die BUND Landesverbände Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zeigen Vorteile der Vorzugsvariante „Dammrückverlegung“ für den Rückhalteraum Elisabethenwört auf

Dettenheim/Philippsburg/Germersheim. Die Landesverbände Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Landesfischereiverband Baden-Württemberg, der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg sowie der Verein für Vogel- und Naturschutz Dettenheim (VVND) haben am Freitag, den 22. Juni 2018, im Naturschutzzentrum Dettenheim zu einem Pressegespräch zu den in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Planungen zum Rückhalteraum Elisabethenwört eingeladen. Der international anerkannte Auenexperte Prof. Dr. Emil Dister ordnete das Projekt und die Varianten auenökologisch und naturschutzfachlich ein. Dister, dessen wissenschaftliche Arbeiten maßgeblich dazu beigetragen haben, das Integrierte Rheinprogramm (IRP) auf den Weg zu bringen, wies auch darauf hin, dass bereits im Jahr 1992 Dammrückverlegungen für den Rückhalteraum Elisabethenwört vonseiten des Landes mit untersucht wurden.

Dister erläuterte: „Die beiden gleichrangigen Ziele des Integrierten Rheinprogramms, Hochwasserschutz und Auenrenaturierung, lassen sich nur durch Dammrückverlegungen optimal verbinden. Die Ökosystemprozesse der Aue mit ihrem Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser, schwankenden Grundwasserständen, Erosion und Sedimentation sind in gesteuerten Poldern nur eingeschränkt wiederherzustellen. Wer den dauerhaften Erhalt der artenreichen Lebensgemeinschaften der Tiere und Pflanzen der Auen erreichen will, muss die künstliche Trennung zwischen Fluss und Aue wieder auflösen. Dammrückverlegungen stellen die Verbindung zwischen Rhein und den abgetrennten Rheinauen wieder her. Sie leisten einen kostengünstigen und robusten Beitrag für den Hochwasserschutz: weder sind aufwändige und teure Ein- und Auslassbauwerk erforderlich, noch muss für deren Bedienung Personal vorgehalten werden.“

„Die vom Land Baden-Württemberg als Vorzugsvariante für das Planfeststellungsverfahren ausgewählte Variante ‚kleine Dammrückverlegung‘ ist ein Kompromiss, der den Forderungen aus den umliegenden Gemeinden nachkommt, dass der Rückhalteraum durch Wahl der ‚kleinen Variante‘ einen möglichst großen Abstand von der bestehenden Wohnbebauung hält. Insgesamt müssen jedoch wieder deutlich größere Aue-Flächen an die Flüsse angebunden werden, um den Hochwasserschutz und das Überleben spezialisierter Tier- und Pflanzenarten der Flussauen zu sichern. Mit der ‚kleinen Dammrückverlegung‘ versucht das Land, auf kleinem Raum bestmöglich Hochwasserschutz und Auenrevitalisierung zu vereinen. Mit der öffentlich diskutierten Variante ‚kleiner Polder ohne ökologische Flutung‘ würde sich das ändern, die Überschrift müsste dann lauten ‚nicht genehmigungsfähiger Murks statt Lösung‘“, ergänzte Dister.

Die vom Land getroffene Entscheidung für die Variante „kleine Dammrückverlegung“ unterstützen alle einladenden Organisationen und kommentierten diese Kompromisslösung wie folgt:

„Wenn sich Hochwasserschutz und Auenrevitalisierung in einem Projekt vereinen lassen, so hat das Land hier Vorbildfunktion einzunehmen und dies auch konsequent umzusetzen. Das heißt, für den Rückhalteraum Elisabethenwört ist eine Dammrückverlegung zu realisieren. Dies entspricht auch im Übrigen den Vereinbarungen des Koalitionsvertrags, nach denen ‚zukunftsweisender ökologischer Hochwasserschutz‘ und die ‚Wiedergewinnung natürlicher Rückhalteflächen‘ zum Ziel gesetzt werden“, erläuterte Kai Baudis, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND Baden-Württemberg.

„Auwälder sind durch die Verbindung von Wasser und Wald besonders wertvoll und gehören zu den artenreichsten, aber auch gefährdetsten Lebensräumen Mitteleuropas. Mit der Deichrückverlegung kann die beste Durchströmung gewährleistet und können somit die besten Standort-Bedingungen für die Zukunft der Hart- und Weichholz-Auenwälder geschaffen werden“, betonte Karl Müller, Mitglied des AK des BUND Rheinland-Pfalz.

„Viele Fischarten und deren Nährtiere haben in der Vergangenheit durch Ausbau und Eindeichung größerer Fließgewässer ihren natürlichen Lebensraum verloren. Durch die ‚Kleine Dammrückverlegung‘ kann im Rückhalteraum eine natürliche Durchströmung erfolgen, welche im Zuge des Hochwasserschutzes die Rückbildung einer naturnahen Auenlandschaft zum Ziel hat. Die Artenvielfalt, besonders der an Auengebiete angepassten Arten, wird wieder deutlich zunehmen“ erneuerte Reinhart Sosat, Geschäftsführer des Landesfischereiverbands Baden-Württemberg, die Bewertung seines Verbands.

„Für die Natur wie auch das Naturerlebnis suchende Menschen hat die Dammrückverlegung signifikante Vorteile: Während für einen kleinen Polder 38,9 Hektar an Fläche für den Neubau von Dämmen beansprucht würden, sind dies bei der kleinen Dammrückverlegung lediglich 22,0 Hektar. Denn für einen Polder würde zusätzlich zu dem ohnehin erforderlichen neuen Schutzdamm auch der gesamte bestehende Damm rund um Elisabethenwört neu gebaut. Auch kann auf den Bau technischer Bauwerke für die Ein- und Auslässe verzichtet werden, die das Landschaftsbild im Naturschutzgebiet deutlich beeinträchtigen würden“, erklärte Dr. Klaus-Helimar Rahn, Sprecher des Arbeitskreises Karlsruhe des Landesnaturschutzverbands Baden-Württemberg.

„Im Naturschutzgebiet müssen die Belange des Naturschutzes Vorrang erhalten. Wir haben ein großes Defizit an Auendynamik. Dieses Defizit kann mit einer Dammrückverlegung ein Stück weit verringert werden“, so Hermann Geyer, Vorsitzender des Vereins für Vogel- und Naturschutz Dettenheim (VVND).

„Mit der Detailplanung für den Rückhalteraum Elisabethenwört stellt sich dem Regierungspräsidium Karlsruhe und den Planern eine komplexe Aufgabe. Damit dies bestmöglich gelingt, halten wir es für unerlässlich, den Beteiligungsprozess fortzuführen. Wir hoffen, dass alle Akteure wieder wie in der frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung zusammenarbeiten, in der sich eine überwiegend sachliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit etabliert hatte. Wir werden während dieser Zeit auch immer wieder Informationsveranstaltungen anbieten, um dort insbesondere gute Beispiele zu zeigen, wie ökologischer Hochwasserschutz zum Gewinn für Mensch und Natur werden kann“, gab Hartmut Weinrebe, BUND-Regionalgeschäftsführer, einen Ausblick auf die nächste Projektphase.

Kontakt: Hartmut Weinrebe, BUND-Regionalgeschäftsführer, bund.mittlerer-oberrhein@bund.net ,Telefon: 0721 358582




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