18. November 2011

Geplanter Polder Bellenkopf-Rappenwört ist teuer und unökologisch – Umwelt- und Naturschutzverbände kritisieren Widerspruch zu den Zielen des Integrierten Rheinprogramms

Typisch für die häufig und lange überflutete Weichholzaue, die Silberweide (Salix alba) - Bild: Willow

Karlsruhe/Rheinstetten. Anlässlich der Bürgerinformationsveranstaltung vom 16. November in Karlsruhe-Daxlanden und der ebenfalls vor wenigen Tagen abgehaltenen Sitzung des so genannten „Arbeitskreises Ökologie“ im Landratsamt Karlsruhe kritisieren der Regionalverband Mittlerer Oberrhein des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Kreisgruppe Karlsruhe des Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Arbeitskreis Karlsruhe des Landesnaturschutzverbands Baden-Württemberg (LNV) sowie der Arbeitskreis Wasser des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) die vorgelegte Planung scharf. Der derzeit vorgesehene gesteuerte Polder widerspräche den ökologischen Grundsätzen des Integrierten Rheinprogramms (IRP), so die Feststellung der Verbände. Weiterhin verursache eine gesteuerte Polderung deutlich höhere Kosten als die Variante eines bei Hochwasser frei durchströmten Rückhalteraums. Ursache hierfür seien vor allem die dauerhaft anfallenden Unterhaltungskosten. Die Hochwasserrückhaltung eines gesteuerten Polders an diesem Standort unterscheide sich dagegen nur minimal von der ungesteuerten Variante. Das Ziel der Wiederherstellung einer naturnahen Aue könne dagegen nur mit einem ungesteuerter Rückhalteraum, in dem der Wasserstand den natürlichen Schwankungen des Rheins unterworfen ist, gelingen betont Carsten Weber, artenschutzfachlicher Sprecher der Naturschutzverbände.

Für den Arbeitskreis Wasser des BBU stellt Nikolaus Geiler klar: „Essenzielles Versprechen der Landesregierung bei der Auflage der Integrierten Rheinprogramms (IRP) in den 1980er Jahren war die Devise: Gleichberechtigung von Naturschutz und Hochwasserschutz! Mit kostenträchtigen Ein- und Auslaufbauwerken und künstlichen Flutungen im Polder Bellenkopf-Rappenwört scheint das IRP nun allerdings auf dem Weg in ein ‚Desintegriertes Rheinprogramm’“. Der Naturschutz und die Revitalisierung einer naturnahen Rheinaue werden nach Ansicht der Natur- und Umweltschutzverbände bei der gegenwärtigen Planung auf der Strecke bleiben. „Die Aue lebt von der ungeheuren Dynamik zwischen Niedrigwasser und voller Durchströmung bei Hochwasser“, so Gewässer-Experte Geiler.

Variantenvergleich gesteuerter Polder und ungesteuerter Rückhalteraum

Während bei einer ungesteuerten Variante über 500 Kubikmeter Rheinwasser pro Sekunde in den Rückhalteraum einfließen könnten, ermöglichten die engen Einlaufbauwerke des geplanten Polders nur eine halb so starke Durchströmung.
Von Seiten der Vertreter des Regierungspräsidiums wurden bei den zurückliegenden Informationsveranstaltungen beide Varianten als ökologisch gleichwertig bezeichnet. Dies, so betonen die Verbände, widerlegte der bestellte Gutachter Prof. Emil Dister vom renommierten WWF-Auen-Institut: eine Dammrückverlegung wäre immer die ökologisch beste Varianten, da naturnahe Durchströmungsbedingungen erzielt würden. Diese könnten bei einem Polder auf Grund der geringeren Einlaufmengen nicht erreicht werden.

Ebenso sehen die Umwelt- und Naturschutzverbände offene Fragen bei der Wirkung des Rückhalteraumes. Nachdem lediglich eine vergleichsweise geringe Wassermenge durch die Einlaufbauwerke in den Polder einströmen kann, könne sich der Polder bei schnell ansteigendem Rhein-Hochwasser erst dann zur Gänze füllen, wenn die Hochwasserwelle beim Passieren des Polders schon wieder am Abflachen sei. Dieser suboptimale Retentionseffekt sei zudem noch mit hohen Kosten gekoppelt. Denn die aufwändigen und teuren Ein- und Auslaufbauwerke eines Polders würden bei der naturgemäßen Flutung komplett entfallen. Hinzu kommt, dass die frei fließende Variante in den Unterhaltungskosten deutlich preisgünstiger wäre. Die plötzlich erfolgte Annäherung der Kosten beider Varianten im letzten behördlichen Kostenvergleich sei lediglich durch den Trick unterschiedlicher Annahmen erreicht worden: Beim gesteuerten Polder wurde lediglich eine erhöhte Zufahrt zum Rheinstrandband vorgesehen bei der ungesteuerten Variante dagegen eine Ausführung als Straße auf Stelzen.

Weitere Informationen:

  • Carsten Weber, LNV AK Karlsruhe und NABU Karlsruhe , E-Mail: cw@birkenhof-karlsruhe.de
  • Nikolaus Geiler, Limnologe, Sprecher des Arbeitskreises Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU), Tel.: 0761/275 693 oder 0761/4568 71 53; E-Mail: nik@akwasser.de



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